97. Jahrestagung der DOG 1999

P 509

DIFFUSE RETINOPATHIE ALS LEITBEFUND EINER MITOCHONDRIOPATHIE OHNE EXTERNE OPHTHALMOPLEGIE

S. Staudt1, A. M. Joussen1, D. Rating2, F. Wilichowski3, G. Kolling1, F. G. Holz1

Die mitochondrialen Enzephalomyopathien stellen eine genetisch und biochemisch heterogene Gruppe von Erkrankungen dar, denen zumeist sporadische Deletionen der mitochondrialen (mt) DNA zugrundeliegen. Die chronisch progrediente externe Ophthalmoplegie (CPEO) ist ein Leitbefund des Kearns-Sayre-Syndroms (KKS) als häufiger Manifestationsform einer mitochondrialen Enzephalomyopathie. Wir berichten über ein Kind mit struktureller mtDNA-Aberration, bei dem eine Visuseinschränkung in Gegenwart diffuser retinaler Veränderungen ohne Einschränkungen der Augenmotilität eine initiale Manifestation darstellte.

Patient und Methoden: Eine 7jährige Patientin mit diffuser pigmentärer Retinopathie und retinaler Funktionseinschränkung wurde elektrophysiologisch, neuropädiatrisch, neuroradiologisch und HNO-ärztlich untersucht. Aus EDTA-Vollblut wurde die gesamtgenomische DNA extrahiert, und molekulargenetische Analysen der mtDNA durchgeführt.

Ergebnisse: Bei der Patientin wurde ein bestkorrigierter Visus von 0,4 rechts und 0,5 links erreicht, anamnestisch ohne progredienten Verlauf. Funduskopisch zeigten sich beidseits am hinteren Augenpol grobschollige Hyperpigmentationen sowie nach peripher diffuse kleinere Hyperpigmentationen mit umgebenden Depigmentierungen, die differentialdiagnostisch auch mit einer Rötelnretinopathie vereinbar wären. Ganzfeld-ERG (Hautelektroden) und multifokales ERG der Makula waren pathologisch. Weitere Befunde umfaßten eine mäßiggradige Innenohrschwerhörigkeit (Tonaudiogramm), Koordinationsstörungen, Intentionstremor, Ataxie, eine im Vergleich zur gesunden Zwillingsschwester wenig modulierte und langsame Sprache sowie im MRT symmetrische Dichteveränderungen im Bereich der Basalganglien, des Nucl. dentatus, symmetrisch auch im Bereich des Hirnstamms. Im EKG fand sich kein Anhalt für einen AV-Block. Die Analyse der mtDNA ergab ein strukturelles Rearrangement mit einem Verlust von ca. 8500 Basenpaaren im distalen 2/3 des mitochondrialen Genoms zwischen den 'origins of replication' OL, OH. Der Anteil von mutanter mtDNA lag bei ca. 70 % und der Wildtyp-Anteil bei ca. 30 % (Heteroplasmie). Mutter und Zwillingsschwester der Patientin waren unauffällig.

Schlußfolgerung: Die Kasuistik weist darauf hin, daß sich mitochondriale Enzephalomyopathien in frühen Stadien bei ausgeprägtem retinalen Befund auch ohne externe Ophthalmoplegie manifestieren können. Daher sollte die Abklärung einer unspezifischen pigmentären Retinopathie im Kindesalter immer auch eine neuropädiatrische Untersuchung sowie bei entsprechendem Verdacht ein Deletionsscreening der mitochondrialen DNA miteinschließen. 1Univ.-Augenklinik Heidelberg, 2Abt. Pädiatr. Neurologie, Univ.-Kinderklinik Heidelberg 3Univ.-Kinderklinik Göttingen, Abt. Neuropädiatrie/DNA-Labor


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